Hässlich wie die Nacht

Hässlich wie die Nacht

Notate zur Nacht
Milchstraße über der langen Rhön | © Stephan Sprinz, Wikimedia commons

Was ist die nächtliche Ruhestörung gegen die tägliche? Dennoch, wer nicht, um sich zu ernähren, nachts arbeiten muss wie die Eule, weiß das ungestörte Dunkel zu schätzen. Es stellt die Sinne auf die Probe und aktiviert das Gefahrenbewusstsein. Es erlaubt ein längeres Nachdenken. Und es öffnet die Augen für eine Natur, die der Tag verbirgt. So ganz dunkel ist es fast nie. Eldad Stobezki hat seine Gedanken zu Nacht und Krieg notiert.

Warum sagen wir das, wenn wir etwas hässlich finden? Ist der Tag immer schön? Die ersten Nächte, an die ich mich erinnere, erlebte ich im Alter von fünf Jahren. Da waren sie unheimlich, denn 1956, während des Suezkrieges, lagen die Städte nachts im Dunkel. Die Straßenlaternen waren ausgeschaltet, die Fenster der Häuser mit schwarzem Papier beklebt. Meine Mutter verdunkelte nur das eine Zimmer, in dem wir abends aßen. Der Weg in die Küche führte durch das dunkle Haus. Das war ein Abenteuer, obwohl es nicht ganz dunkel war. Seitdem suche ich das Licht in der Dunkelheit.
Als 1967 der Sechstagekrieg ausbrach, war ich sechzehn Jahre alt, und gerade als Erntehelfer kurz vor Jerusalem eingesetzt, in einem Kibbuz unweit der Grenze zu Jordanien. Dass wir die Nächte in einem Graben verbrachten, ist die einzige Erinnerung, die ich habe. Alles war dunkel, nur die Sterne funkelten am Himmel. Seitdem habe ich nie mehr so lange in einen Himmel voller Sterne gestarrt.

Zwei Jahre später wurde mir in einer Nacht bewusst, dass ich schwul bin. Ich löschte das Licht, hörte das Klarinettenquintett von Brahms und weinte.

Wenn ich vor zwanzig Jahren nachts nach Hause kam, habe ich das Licht im Hof erst vor der Haustür eingeschaltet. Der Hauseingang ist im Hof und ich genoss die wenigen Sekunden in der Dunkelheit. Jetzt schalte ich das Licht an, bevor ich in den Hof einbiege, denn die Platten sind uneben und ich fürchte, ich könnte stürzen. Die Sicherheit ist mir wichtiger als die Romantik. Die Nächte waren nie hässlich.

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Ich weiß nicht, ob das typisch israelisch ist, dass meine Erinnerungen oder Assoziationen so oft mit Krieg verbunden sind. Der israelische Journalist und Buchautor Yigal Sarna kaufte vor einigen Jahren ein Haus in Portugal. Er renovierte die Ruine, hauchte dem Haus mit im Trödel gefundenen Gegenständen ein neues Leben ein und schrieb darüber ein Buch. Er konnte das Leben in Israel nicht mehr aushalten. Trotzdem ist er oft in Israel und mischt sich in das Kriegsgeschehen ein. Neulich postete er das Foto einer menschenleeren Zypressenallee in einem Kibbuz unweit von Gaza. Die hohen Bäume zeugten von Ruhe, von dem Fleiß und der Bescheidenheit der Kibbuz-Bewohner. Ich konnte den Staub riechen. Als Kind verbrachte ich im Sommer einige Wochen bei Verwandten in einem Kibbuz, der nur sieben Kilometer von Gaza entfernt ist. Auch dort standen hohe Bäume, die der Wüste trotzten. Die Kibbuz-Kultur ist bei der jetzigen Regierung verpönt. Die Kibbuzim am Gaza-Streifen hat diese Regierung aus rein politischen Gründen vor die Hunde gehen lassen. Jetzt hat es in Israel drei Wochen heftig geregnet. Der Staub ist von den Blättern gewaschen. Die Bäume duften frisch. Drumherum stehen ausgebrannte Autos, die Häuser sind zerstört.

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Im Krieg und danach werden mehr Kinder geboren. Die Israelis beschäftigen sich heftig mit dem Thema. Eltern von gefallenen Soldaten lassen Samen von der Leiche des Sohnes absaugen, damit sie in Zukunft doch noch Enkelkinder bekommen können. Das wirft viele ethische Fragen auf, die ich hier nicht aufführen möchte. Und was passiert mit den Frauen, die jetzt in Gaza gefangen sind und vergewaltigt wurden? Bis zu welcher Woche kann man eine Schwangerschaft abbrechen? Warum geht Israel nicht einen Deal mit der Hamas ein und tauscht palästinensische Gefangene mit den Geiseln aus?

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Mitgehört aus einem Telefonat im ICE: „Ich kann jetzt nicht, ich bin im Schwimmbad.“

 
 
Ab September bei der Edition W:

Eldad Stobezki
Rutschfeste Badematten und koschere Mangos
Gebunden, ca. 150 Seiten
ISBN: 978-3-949671-15-9

Letzte Änderung: 11.03.2024  |  Erstellt am: 11.03.2024

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