John Cage

John Cage

Notate zu Dauer und Tradition
Halberstadt in Sachsen-Anhalt. Die Orgel für das Projekt ORGAN²/ASLSP von John Cage. | © wikimedia commons

Von den jahrhundertelang vibrierenden Orgelpfeifen in Halberstadt bis zur Orchideenwurzel führen die Gedankengänge Eldad Stobezkis, von der Anmaßung auf See über eine verbotene Buchvorstellung in Haifa bis zu den palästinensischen Oliven. Vergangenheit, halbe Ewigkeiten und das Hier und Jetzt versammelt er in Faust-Kultur, vielleicht auch Zukunft.

Wie lange kann man unter Wasser bleiben ohne Luft zu holen? Wie lange kann ein Musiker in sein Instrument blasen ohne Luft zu holen? Man gerät schnell in Panik, wenn man keine Luft mehr bekommt.
Diese Fragen stellte sich der amerikanische Komponist John Cage nicht, als er sein Orgel-Kunstprojekt Organ2/ASLSP konzipierte. ASLSP steht für: As slow as possible und ist die Anweisung, die vierseitige Partitur so langsam wie möglich zu spielen. Am 21. November 1987, bei der Uraufführung in Metz, dauerte die Aufführung 29 Minuten.
Seit dem Jahr 2001 wird es in der Sankt-Burchardi-Kirche in Halberstadt als langsamstes und längstandauerndes Orgelstück der Welt mit einer Gesamtdauer von 639 Jahren aufgeführt, dem zufolge sich das Projekt als ein Versprechen an die Zukunft versteht und auch als musikalisches Langzeitexperiment gelten kann. Der jüngste Klangwechsel fand am 5.Februar 2024 statt; der nächste ist für den 5. August 2026 vorgesehen.
Cage sagte: „Die Musik, mit der ich mich beschäftige, muss nicht unbedingt Musik genannt werden. In ihr gibt es nichts, woran man sich erinnern soll. Keine Themen, nur Aktivität von Ton und Stille.“
Das berührt mich. Ein Klang, ein Mantra, ewig im Raum hallend, eine ununterbrochene Meditation. Und alle zwei Jahre kommt eine Orgelpfeife dazu und ergänzt den Klang. Zum Klangwechsel pilgern hunderte von Menschen in die romanische, turmlose Basilika, mit deren Bau 1186 begonnen wurde. Wie gut alles zusammen passt: Die uralte Kirche, die zeitweise auch als Lager und Schweinestall diente, als Sitz einer Idee, die mit dem Klang der Ewigkeit kokettiert und ringt.
Lockt die Zuhörer das Versprechen der Kirche auf ein Leben nach dem Tod? Glaubt man den Ton des Kosmos hier imitieren zu können?
Bei allem Ernst muss ich auch schmunzeln, wenn ich an die Redewendung „Aus dem letzten Loch pfeifen“ denke. Der Ausspruch bezieht sich auf die Löcher eines Blasinstruments, zum Beispiel einer Flöte. Auf dem letzten Loch erklingt der höchste Ton, der auf dem Instrument erreicht werden kann. Nach dem Blasen des letzten Lochs, sind seine Möglichkeiten ausgeschöpft: Es kann kein höherer Ton hervorgebracht werden. Das passiert in diesem Projekt aber erst im Jahr 2640.

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Der menschliche Wunsch, alles immer noch größer, noch opulenter zu haben, zeigte sich dieser Tage bei der Taufe des größten Kreuzfahrtschiffes aller Zeiten, der „Icon of the Seas.“ Wohin führt diese Anmaßung? Ich wünsche dieser Neuzeitikone nicht das Schicksal des Turms zu Babel oder der Titanic. Ich tröste mich mit dem längsten Orgelwerk aller Zeiten.

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In Colum McCanns Bestseller-Roman „Apeirogon“ trauern der Israeli Rami und der Palästinenser Bassam gemeinsam um ihre umgebrachten Töchter. Der erfolgreiche Roman, 2022 in deutscher Sprache erschienen, ist ein Aufruf zur Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern. Jetzt liegt die Übersetzung auf Hebräisch vor. Die Premiere des Romans sollte in Haifa stattfinden, einer Stadt, die für das friedliche Zusammenleben von Juden und Arabern bekannt ist. Doch die Familien der Gefallenen und Entführten vom 7. Oktober 2023 protestierten dagegen und die Oberbürgermeisterin hat die Buchvorstellung verboten. Ich denke an die verbotenen Schriftsteller im Dritten Reich und frage mich, ob der nächste Schritt die Bücherverbrennung sein wird.

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Nach dieser traurigen Nachricht, dass Bücher in Israel derart zensiert werden, freute ich mich über die Einladung zum Frühlingssalat bei meiner Freundin Astrid. Astrid war im Dienste der Evangelischen Kirche zwanzig Jahre lang in Jerusalem und Bethlehem tätig und lebt schon lange wieder in Deutschland. Als Abschiedsgeschenk bekam sie von der Gemeinde in Bethlehem eine große, schwere Salatschüssel aus Olivenholz. Die Schüssel wird oft benutzt und trägt Gebrauchsspuren. Sie glänzt durch das Olivenöl, mit dem jeder Salat reichlich beträufelt wird. Schon lange ist die Einladung ein Ritual zum Frühlingsanfang. Astrid ist übergenau und sorgt immer dafür, dass sie genug Oliven und Olivenöl aus Palästina hat. Sie bereitet die Labane selbst zu und die Pitas kommen direkt aus ihrem Backofen warm auf den Tisch. Es gibt tatsächlich nur den Salat. Aber der ist bunt und besteht aus allen Gemüse- und Blättersorten, die man sich vorstellen kann. Auch S-chug fehlt nicht, eine scharfe jemenitische Soße aus Peperoni, Koriandergrün, Knoblauch, Salz und Olivenöl.
Doch ohne einen süßen Abschluss geht es auch bei Astrid nicht. Serviert wird Salep-Pudding, der seinen Geschmack von pulverisierten Orchideenwurzeln bekommt, und der allen, die in Israel und Palästina waren, sofort das herzerwärmende Gefühl gibt, wieder dort zu sein, mit Freunden am runden Tisch zu sitzen und vom Frieden zu träumen.
 
 
 
 
Ab September bei der Edition W:

Eldad Stobezki
Rutschfeste Badematten und koschere Mangos
Gebunden, ca. 150 Seiten
ISBN: 978-3-949671-15-9

Letzte Änderung: 01.03.2024  |  Erstellt am: 01.03.2024

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Kommentare

Ralf Rath schreibt
Der Ausruf "Und so, über Gräber, vorwärts!" vom 23. Februar 1831 in Weimar von Goethe im Angesicht des Todes seines Sohnes ist bis heute sogar bald 200 Jahre später noch nicht daraufhin untersucht worden, welche sozialen Voraussetzungen unbedingt zu erfüllen sind, wenn dabei nicht buchstäblich über Leichen gegangen sein soll. Zwar hängt das, was gegeben ist, nicht allein von der Natur ab, sondern zuvörderst davon, was ein Mensch darüber vermag. Aber solch einem Vermögen ist noch immer lediglich ein "freundliche(s) Desinteresse" beschieden, wie zuletzt am 10. Oktober 2005 ein Abkömmling einer bessarabiendeutschen Familie in Bonn kraft seines Amtes als damaliger Bundespräsident kritisiert und binnen kurzem im Zuge dessen seine Demission erklärt hat. Insofern sich darin mehr als augenfällig zeigt, ein dadurch langsames Arbeiten niemals in einer Weise beschleunigen zu können, indem in einer inzwischen hochentwickelten Industriegesellschaft die Mechanismen der Leistungsbegrenzung ausgeschaltet werden (vgl. Kern, H., 1979: 231), wäre zum Wohle aller schon viel, wenn nicht alles gewonnen, falls ein Innehalten in derlei unter der hiesigen Bevölkerung überaus weit verbreiteten Praktiken gelänge, das erst ermöglichen würde, sich nicht in einem völlig falschen Begriff von Emanzipation zu verlieren.

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