Kein Glück bei den Frauen

Kein Glück bei den Frauen

„Hoffmanns Erzählungen“ in Darmstadt
Hoffmanns Erzählungen. Jana Baumeister | © Nils Heck

Julien Offray de la Mettrie, der Prügelknabe der Aufklärung, hatte die Idee des Menschen als Maschine vertreten. Der Romantiker E.T.A. Hoffmann rächte sich an ihm, indem er diese Idee ernst nahm. Und Jacques Offenbach wählte drei Frauen – Automaten, Psychopathen und Prostituierte – aus Hoffmanns Erzählungen, um den Schrecken in seine doppelbödige Oper zu pflanzen. Walter H. Krämer hat „Hoffmanns Erzählungen“ im Staatstheater Darmstadt gesehen.

Oper hören und sehen kann so schön sein! Besonders dann, wenn – wie jetzt am Staatstheater Darmstadt zu erleben – es zu einer stimmigen und wohldurchdachten Inszenierung kommt, an der alle Beteiligten großen Anteil haben.

„Hoffmanns Erzählungen“, uraufgeführt am 10. Februar 1881 in der Opéra-Comique in Paris (Frankreich), ist das letzte Bühnenwerk von Jacques Offenbach. Als Basis für das Libretto diente ein von Jules Barbier und Michel Carré verfasstes und 1851 uraufgeführtes Stück, das auf verschiedenen Erzählungen E. T. A. Hoffmanns basiert, wie „Der Sandmann“, „Rat Krespel“ und „Die Geschichte vom verlorenen Spiegelbild“.

Hoffmann hat kein Glück bei den Frauen. Die Idealfrau erweist sich als Puppe, die Künstlerin als Psychopathin, die Kurtisane als pervers. Oder bildet er sich das alles nur ein? Denn Hoffmann hat ein Problem mit der Realität und liebt den Rauschzustand. Das macht sich seine Muse zunutze. Oder inszeniert die Eifersüchtige sein Scheitern im Leben nur?

E. T. A. Hoffmann war nicht nur Beamter und Jurist, sondern vor allem eine schillern-de Künstlerpersönlichkeit, die mit ihren starken Überzeugungen regelmäßig aneckte und sich immer wieder gegen die Politik zur Wehr setzen musste, die seinem künstlerischen Schaffen Schranken setzte.

In Offenbachs Oper avanciert der Schriftsteller, Musiker und Zeichner zum Anti-Helden seiner eigenen Erzählungen: In „Les Contes d’Hoffmann“ wird der Titelheld manipuliert, werden ihm kunstvolle Illusionen unter dem Namen Olympia vorgeführt und zerstört. Sängerinnen, darunter Hoffmanns Geliebte Antonia, müssen sterben, wenn sie ihrer Kunst nachgehen. Und schließlich gerät der Dichter in Gefilde, in denen Menschen sich und ihre Ideale verkaufen.

Jacques Offenbachs Opéra fantastique ist die letzte und die einzige ernste Oper des „Erfinders“ der französischen Operette. Kaleidoskopartig verwebt er darin Gesellschaftskritik, französisches Sentiment, deutsche Romantik, parodistischen Witz und musikalische Finesse zu Erzählungen über das Künstlerdasein. Diese thematisieren die Abgründe, Zweifel, großen Einfälle und Krisen eines Bohèmien, der um seine Existenzberechtigung, künstlerische Freiheit, Einfluss, Anerkennung und Liebe kämpfen muss.

Hoffmann – ein schwärmerischer Dichter und schöpferischer Künstler entflieht mehr und mehr dem Leben und wendet sich nur noch der Kunst zu. Berauscht vom Alkohol nimmt er uns mit auf eine phantastische Reise in die Vorstellungswelt weiblicher Utopie. Groteske und unheimliche Elemente vermischen sich zu einer bizarren Traumwelt, in der die Figuren auf eine oft merkwürdige Weise ihre Identität verändern und Hoffmanns vielgestaltiger Gegenspieler all seine Liebesversuche zielsicher zunichte macht. Zerrbilder des Bösen und des Dämonischen, die den Menschen Hoffmann letztendlich zerstören.

Hoffmanns Erzählungen. Matthew Vicker, Ensemble | © Foto: Nils Heck

Nicht mehr ganz nüchtern, entführt uns der Dichter Hoffmann – dem Dichter E.T.A. nachempfunden – in eine Welt voller Magie. Wir durchleben mit ihm seine drei unglücklichen Romanzen mit Olympia, Giulietta und Antonia. Real erlebte oder doch nur seiner Phantasie entsprungen. Begleitet von einer aktuellen Liebe, seiner Muse, die ihm zuhört und ihn doch am Ende verlässt, da er sich nicht einlassen kann und will auf eine wirkliche Begegnung und Beziehung zu einer Frau.

Die Musik ist mitreißend und kommt doch nicht nur leichtfüßig daher – Hoffmanns Erzählungen hat durchaus Momente einer großen Oper. Dirigent Daniel Cohen verführt das Staatsorchester Darmstadt zu Höchstleistungen und steht auch den Sängern und Sängerinnen einfühlsam zur Seite. Sein Debüt gibt Matthew Vickers in der Rolle des Dichters, und das macht er auf wundervolle Weise. Das Durchleben seiner drei Romanzen und auch der Absturz danach wird durch sein Spiel und seinen Gesang fühl- und hörbar.

Ähnlich wie Büchners Woyzeck sind auch „Hoffmanns Erzählungen“ nur fragmentarisch erhalten. Noch bevor Jaques Offenbach diese Oper vollenden konnte, verstarb er. Das lässt natürlich Regisseuren, Dramaturgen und Dirigenten freie Hand, sich jeweils eine neue Reihenfolge auszudenken und eine eigene Fassung zu kreieren, denn noch heute taucht gelegentlich neues Notenmaterial auf. Bei der Auswahl der Fassung ist es daher wichtig zu fragen, was soll erzählt werden und welche Fassung ist für dieses Ensemble und dieses Orchester am besten geeignet.

Regisseur Dirk Schmeding hat gut gewählt, und sein Konzept geht auf. Zu Beginn sehen wir den Dichter in einer kleinen Dachkammer zusammen mit seiner Muse – gespielt von Solgerd Isalv. Alkoholisiert kramt er in seinen Unterlagen. Er will sich erinnern, Vergangenes wieder hervorholen. Hat er es wirklich erlebt oder ist alle nur erfunden? Rauschhafte Gedanken und Wahnvorstellungen. Genaues weiß man nicht. Die Inszenierung hält das lange in der Schwebe. Alle Szenen entstehen faktisch aus den Blättern, die der Dichter aus alten Kisten hervorholt. Die perfekte Frau – Stella – nach der der Dichter sucht, taucht in der Inszenierung nicht auf.
Olympia – die erste Frau, der er in der Inszenierung begegnet, stellt sich als mechanische Puppe heraus, die er nur durch eine VCR-Brille sehen und erleben kann. Wie Juliana Zara das spielt, ist großartig. Ihre Bewegungen ist genau choreografiert. Große Schauspielkunst mit Gesang. Sie bringt das Puppenhafte zur Geltung und man hat als Zuschauer*in seine wahre Freude an ihren Bewegungen und ihrem Spiel. Antonia, gesungen von Megan Marie Hart ist diejenige, die sich für ihre Kunst opfert und dem Singen – was ihr den Tod bringt – nicht widerstehen kann. Bleibt noch Jana Baumeister als Kurtisane Giulietta, die dem Dichter wahre Liebe und Verliebtheit vorgaukelt und ihm doch nur im Auftrag des „Teufels“ sein Spiegelbild raubt.

Britta Leonhardt, die Kostümbildnerin, greift in die Vollen und bringt eine richtige Show mit Glitzer, Farben und Federn auf die Bühne. Beeinflusst von den B-Movies und Science Fiktion Filmen der 50er und 60er Jahre im 2. Akt, lässt sie sich im 3. Akt (Antonia – Akt) inspirieren vom Glamour der Stummfilmzeit, um dann im 4. Akt an Varieté und den Karneval in Venedig zu erinnern. Passend zum Seelenzustand des Dichters – im Rausch und Wahn sind seiner Phantasie keine Grenzen mehr gesetzt.

Die Oper „Hoffmanns Erzählungen“ handelt von menschlichen Konflikten und Problemen, die heute so aktuell sind wie zu E.T.A. Hoffmanns und Jacques Offenbachs Zeiten. Natürlich sind die Charaktere in dieser Oper Fiktion. Doch – so der österreichische Schriftsteller Norbert Gstrein – die „Fiktion bedient sich der Realität und wirkt in die Realität hinein.“ Und so bediente sich E.T.A. Hoffmann unserer täglichen Irrungen und Wirrungen und setzte sie in seine eigenen literarischen Rahmen, aus denen sie nun wieder als fantastische Fabelgestalten heraustreten und uns faszinieren und auf uns einwirken.

Lassen wir uns begeistern von dieser wunderbaren Oper mit ihrer zauberhaften Musik. Lassen wir uns durch Klänge und Bilder entführen in ein Reich des Geheimnisvollen und Zauberhaften, aber kehren wieder zurück in die reale Welt – wenn auch ziemlich verkatert von den Ausflügen in die Irrationalität.

E.T.A. Hoffmann beschwört keine Geister, sondern Urängste des Menschen. Er kolportiert keine absurden Geschichten, sondern führt uns vor, was uns ängstigt, was uns treibt, wo wir scheitern und wo wir gefährdet sind.

Alle Gewerke tragen am Staatstheater Darmstadt zum Gelingen der Inszenierung bei und setzen die Vorgaben von Bühnenbildner Robert Schweer und Kostümbildnerin Britta Leonhardt kongenial.um. Rachele Pedocchis Choreographien runden die Inszenierung auf stimmige Weise ab, und den Chor unter Leitung von Ines Kaun und Alice Meregaglia zu hören, ist ein Genuss.

Bleibt ein inhaltlicher Missklang – stimmgewaltig von dem Chor gesungen und im Programmheft groß abgedruckt: „Groß wird man durch die Liebe, größer noch durch das Leid.“ Angesichts all der Katastrophen auf der Welt, die wahrhaft menschliches Leid verursachen, fast eine Blasphemie – so viel Texttreue hätte man sich ersparen sollen.

https://www.staatstheater-darmstadt.de/veranstaltungen/hoffmanns-erzaehlungen-les-contes-d-hoffmann.1431/
Weitere Termine am 27.10. + 16.11. + 15. + 31.12.2023. Sowie 2024.
https://www.staatstheater-darmstadt.de/veranstaltungen/hoffmanns-erzaehlungen-les-contes-d-hoffmann.1431/#termine

Letzte Änderung: 11.10.2023  |  Erstellt am: 11.10.2023

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