Brühwürfelwürzen mit Werner Hamacher

Brühwürfelwürzen mit Werner Hamacher

Ein Disput
Beginn der 95 Thesen Martin Luthers

Einen Disput, wann gab es den zuletzt? Auf der Bühne mit Lessing, Goethe und Schiller? Luthers 95 Thesen, seine Disputation zur Klärung der Kraft der Ablässe, und Werner Hamachers 95 Thesen zur Philologie, in denen eine Entfremdung von der Sprache bis zu einer vernichteten Sprache des Schweigens und Handelns seit der Reformation aufgezeigt wird, sind die Bezugspunkte der wundersam herumwirbelnden Argumentation der korrespondierenden Autoren Vincent Sauer und Felix Schiller.

> Ich habe wenig Wochenende, außer abends. Deshalb, Vincent, der Wortlaut der ersten These Martin Luthers aus den Disputatio pro declaratione virtutis indulgentiarum in der Übersetzung von Justus Jonas dem Älteren (kein Witz, hast du auch immer Die drei ??? zum Schlafengehen gehört? Und kann man diesen Satz eigentlich noch mit einem Fragezeichen beenden. Sind es dann nicht vier Fragezeichen) aus der 1557 von Philipp Melanchthon bei Hans Lufft gedruckten Werkausgabe der Schriften Luthers: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: Tut Buße etc., will er, daß das ganze Leben seiner Gläubigen auf Erden eine (stete) Buße sei.“ Ich bin konfirmiert und Mitglied der evangelisch-lutherischen Kirche, keine Ahnung, ob es daran liegt, dass ich der Spaltung immer noch nachspüren kann, die mit dieser These in unser aller Körper, Sprache, Denken getrieben wurde. Keine Ahnung, ob ich deshalb hängen geblieben bin an der 85. These von Werner Hamachers 95 Thesen zur Philologie, dieser Schlüsselstelle, an der Hamachers Text seine eigene Form reflektiert. Er hat den ideengeschichtlichen Bruch, der sich durch „die Reproduktionstechnologien des Wortes“1 im Jahrhundert von um 1450 an vollzogen hat, genau gesehen. Und er hat genau gesehen, was er eigentlich ist: kein ‚Bruch‘, kein ,Paradigmenwechsel‘, keine Ablösung einer ,Denkform‘ durch eine andere ,Denkfigur‘, sondern die Verkehrung der Sprache gegen sich selbst. Man kann es so sehen: Die mediale Revolution, die natürlich eine Evolution war, hat die Literarizität erhöht, die Autoritätsgläubigkeit geschwächt, das clandestine Denken, den häretischen Diskurs zunächst im Verborgenen (Schwarzmarkt der Abweichungen) ermöglicht, dann zum wissenschaftlichen Diskurs der Neuzeit mit seinem Prinzip des Fortschritts in These und Kritik geführt. Man kann es aber auch so sehen: Der Buchdruck bringt eine Autorschaft, in der Präzision und eindeutige Verständlichkeit im Blick auf eine alphabetisierte Masse (Absatzmärkte) wichtig werden; er transformiert bildhaftes Denken und orale Sprachrezeption in die Linearität des stillen Lesens, kausal und zeitlich gemeint; er errichtet eine Tyrannei der Form gegen das Leben, setzt eine bibeltreue Einsprache gegen die Gültigkeit der Idio-, Sozio- und Dia-lekte. Werner Hamacher hat dieses Blei im Setzkasten genau erkannt, wenn er von einer „peinliche[n] Wendung“2 , einer „schlichte[n] Perversion jenes lógos […], dem die philía Platons und noch die des Johannes galt“3 , und „der reformatorischen Volte“4 schreibt. Die Referenz der Lutherschen Thesen sind Ablasshandel und viele andere Kalamitäten der katholischen Kirche, der ideengeschichtliche Sprechakt aber ist der Aufbau eines Ablasshandels des Lebens und eine Entfremdung von der Sprache zu einer vernichteten Sprache des Schweigens und Handelns, als kanaliges Medium einer fraglosen Intersubjektivität, im Denkmantel der Kommunizierbarkeit. Weder Text noch Körper noch Lebensfluss sind fortan Oberflächen, die ihre Tiefen öffnen und wieder schließen, sondern sie sind zutiefst misstrauenswürdig, sündig, schuldig, defizitär, in ihrer Sündigkeit auszulegen, sie müssen sich aussprechen, sich mitteilen, um nicht verdächtig zu sein. Ihre Oberfläche gilt nicht und wird zur Unterfläche, ihre Tiefe ist die Notwendigkeit zur Buße, die als ‚Kommentar‘ (Sakralisierung) und ,Kritik‘ (Diskursivierung) ihr neue Oberflächen als Repräsentation schafft, Oberflächen, die den Anspruch der Eigentlichkeit annehmen: Sie stehen für alles ein, außer sich selbst. „Im sechzehnten Jahrhundert ist die wirkliche Sprache keine einförmige und glatte Gesamtheit von unabhängigen Zeichen, in der die Dinge sich wie in einem Spiegel reflektierten, um darin Ding für Ding ihre besondere Wahrheit auszudrücken. Es ist vielmehr eine opake, mysteriöse, in sich selbst geschlossene Sache, eine fragmentierte und von Punkt zu Punkt rätselhafte Masse, die sich hier und da mit den Figuren der Welt mischt und sich mit ihnen verflicht, und zwar so sehr und so gut, daß sie alle zusammen ein Zeichennetz bilden, in dem jedes Zeichen in Beziehung zu allen anderen die Rolle des Inhalts oder des Zeichens, des Geheimnisses oder des Hinweises spielen kann und tatsächlich spielt. In ihrem rohen und historischen Sein des sechzehnten Jahrhunderts ist die Sprache kein willkürliches System; sie ist in der Welt niedergelegt und gehört zu ihr, weil die Dinge selbst ihr Rätsel wie eine Sprache verbergen und gleichzeitig manifestieren und weil die Wörter sich den Menschen als zu entziffernde Dinge anbieten.“5 Mit Luther dämmere der freie, schnelle Wechsel von Funktionen und Positionen zu ihrer kristallisierten Hierarchie, wie Hamacher im Rückgriff auf die vierte These Luthers und den dortigen „Haß gegen sich selbst“6 ausführt (die Übersetzung von Justus Jonas ist schwächer, aber auch komplexer, man ist sich diesseitig selbst nicht mehr der Fall: „Währet derhalben Reue und Leid, das ist wahre Buße, so lange einer Mißfallen an sich selber hat, nämlich bis zum Eintritt aus diesem in das ewige Leben.“). Das Leben als Sprache soll sich selbst missfallen, darin findet es seine Erfüllung, Gewalt und Selbstverleugnung lösen Liebe und Hingabe ab. Von da ist es nur ein Schritt zum Hass gegen Juden, Frauen, Bauern, der Selbsthass ist eingezogen in die Sprache der Körper, in den Körper der Sprache, Vernichtung ist seine Aufrechterhaltung und damit auch ihre als Selbstvernichtung, „jedes Wort ein Verbrechen, das ein anderes wiederholt, um es zu verdecken …“7. Tut Buße, es gibt keine Fragezeichen mehr, nur noch Punkte. Was ich nicht verstehe: Wie bringt Hamacher das „Credo des Kapitals“, den „Kredit“ ins Spiel, wie die Ökonomie, wie dockt es an? Was hat es auf sich mit der wichtigen Klammer „( – Was heißt, haßt. –)“8 Und warum kommentiere ich hier, ist das nicht ein antiphilologischer Gestus an die Philologie herangetragen? Lass uns die Disputatio beginnen.

>> Felix, Glück ist die Lücke, die der Teufel lässt, heißt nichts, als nochmal entwischt zu sein. Mein Justus Jonas ist einer der heiligen drei M. O. R, vulgo Masters of Rap. Mittlerweile macht er laut Wikipedia Lobby-Arbeit, womit wir beim Thema wären. WORK HARD PLAY HARD. ET APRÈS? DIES LUNAE DIES IRAE DIES ILLAE. Zwei Wochen nach Allerheiligen/-seelen, am Tag des Herrn bläut mir, wenn es dunkel wird, schon wieder die Werkwoche, Schicht im Schacht der Nacht der Welt, manchmal zu allem Überdruss in Einheit mit der Kehrwoche in einer hypothetischen schwäbisch-evangelischen Wohnungseigentümer-Gemeinschaft, wo du dich nach Plan reproduzierst, während die ewiglich-anorganische Quartz-Uhr tickt und Dir der Kredit im Nacken sitzt, der Schweiß steht im Angesicht, denn du hast dieses Jahr, Quartal, diesen Monat schon wieder nicht die Beförderung geschafft: Besserung – und Buße heißt aus ihrem Hass auf den Andern, der auf seine Schuldigkeit scheißt, nichts anderes in Wirklichkeit – verordnest du dir dann im Antlitz des gesichtslosen Gottes. Halt. Manchmal brauche ich diesen meinetwegen pubertären Furor, um in die Gänge zu kommen. Also, ich meine, der Hass auf die Sprache ist – leider keine Doppeldeutigkeit á la „verzehrt“ an dieser Stelle drin – die Angst vor der Mündigkeit. Statt das Maul aufzumachen, wenn dir gesagt wird, halt’s Maul und geh arbeiten, schaffst du verdrießlich und übersetzt es dir mit Schöpfung. Autorität ist, wenn man nichts mehr erklären muss, sagte Dietmar Dath mal auf einer Konferenz vor langweiligen Marxisten. Autoritär wird man aber wohl auch, wenn man sich am laufenden Band selbst erklären muss, und es immer enttäuschter dabei belässt, statt sich in der Welt, wo Schriftgelehrte und Schuldiger wandeln, von allem zu befreien, was nur sagt: Siech!, aber dies erfolgt nie nach Vorschrift. Hallo Bewusstsein! Ich wende mich nicht an die Welt, sondern an dich und merke: Das geht so nicht, die Umstände stimmten melancholisch. Sie silencen. Aber Draußen macht Angst. Gefahr ist im Verzug, da fühlt sich die Freiheit an wie im Vollzug. Gut nur, dass Schuld beglichen sein will. Per defintionem, Lebenslänglich. Das ist mein Projekt von heute für die Zukunft gegen Gestern. Vergelt’s Gott! sagt man in protestantisch-geprägten Gegenden nicht, denk ich. Wer bereit ist, zu tilgen, nimmt an, dass er schuldig ist. Und das lässt keinen anderen Weg zu, als dem ursprünglicheren Anfang hinterherzunichten, ausweglos. Dabei verschleißt einem die Sprache, die Heilige Schrift steht als Sinnstifterin sicherheitshalber unter Verschluss, aber nicht unter Schutz, wie bei den Tora-Gelehrten, deren Kommentare den Text vor Angriffen sichern. Im Gegenteil durchschießt sie die neue Interpretationskunst, macht löcherig, porös, lässt Luft rein. Ob das was bringt, ist Auslegungssache. Denn der Text soll so durchsichtig werden, dass er nur noch Durchsicht ist: getilgt von allem, von dem kriechend und fleuchend die Rede ist. Spielen wir auf Zeit? Ich gehe jetzt doch nochmal in mein Fanboy-PDF-Archiv und schaue, was ich mir in dem Aufsatz Schuldgeschichte. Benjamins Skizze ‚Kapitalismus als Religion‘ von Werner Hamacher in einem Sammelband von Dirk Baecker sonnengelb hinterstrichen habe: „Was immer geschieht, es geschieht von einem Anderen her und auf ein wiederum Anderes hin und ist deshalb diesem Anderen geschuldet.“ Schuld ist eine „Herkunftskategorie“ und eine „defizitäre Relation“, „Schuld ist Schuld an einem Nicht.“ So ist es. Aber harmlos abstrakt und menschenleer. Dann aber Kapitalismus! Kapitalismus ist eine Struktur, „die einzig den Sinn verfolgt, den Schuldzusammenhang des Lebendigen zu organisieren … sie systematisiert ein Defizit, ohne eine Befreiung von ihr zu erlauben.“ Herangezogen werden Bloch, Benjamin, Cohen, aber da man unterstellen darf, dass es ihnen um die Sache ging, und nicht darum, ihre Nachnamen zu kennen, spar ich mir das Identifizieren. Kapitalismus jedenfalls ist „reine Kultreligion, andauernder Kult“. Aber das erlaubt nicht das Leben, von dem Shaun Ryder in 24h Party People dereinst sang: „Der Festtag in Permanenz besteht in der rituellen Anstrengung, diesen selben Festtag immer noch einmal und gleichzeitig als einen festlicheren zu feiern. Der auf Dauer gestellte Sonntag der Epoche des Kapitalismus ist der perennierende Werktag des Mehrwerts und der Mehrarbeit.“ Wer mag da widersprechen? Und dann ist das Ding auch noch, dass die sogenannte – da immer wieder aufs Neue begangene – ursprüngliche Akkumulation besagt, dass sich jemand gewaltbereit nimmt, weil er skrupelloser ist, weil er mehr Gewalt hat; oder darin, dass ein Mächtiger sagen kann, diese neue Schuld ginge schon in Ordnung, denn nur wer sich immer wieder verschuldet, kann immer reicher werden. Aber „Schuld des Lebens ist die Ermöglichung und die Erzeugung des Lebens, schuldig am Leben ist das Leben und seine Intensivierung in der Regeneration.“ Aber auf die Organisation desselben mit seinen andauernden neuen Schuldzuweisungen kommt es an. Die Thesen verleiten mich doch dazu, eher abzuheben, als mich zu vertiefen in das, was schon dasteht, mag auch meine Mail nur eine gewollte Paraphrase sein. Kommen wir so nicht voran, können wir gern genauer werden. PS: Ich habe mich nie getraut, aus der katholischen Kirche auszutreten.

>>> Vincenzo, der auf Dauer gestellte Sonntag der Epoche hat verhindert, dass ich dir in time antworte. Das Problem in der Arbeit an der Sprache ist vielleicht, dass Sprache zum Arbeitsmittel wird, ebenso wie die Zeit. In seiner Sammelrezension einiger Romane Queneaus bespricht Alexandre Kojève auch Le dimanche de la vie von 1952^9^. Für Kojève ist insbesondere dieser Roman ein Marker für das Ende der Geschichte, für eine Zukunftsgesellschaft, die immer schon da ist: „Wenn es nun aber tatsächlich das ,Ende der Zeiten‘ ist […], was Queneau im Auge hat […], dann ist der ,Sonntag des Lebens‘ nichts anderes als der ,Sabbat des Menschen‘, seine endgültige Erholung nach der Beendigung der harten Kämpfe und der harten Arbeit, derer es bedurfte, um eine Welt zu schaffen, die derart eingerichtet ist, dass man in ihr in einer sich ganz ihrer selbst bewussten, wesentlich friedlichen und weitestgehend untätigen Zufriedenheit leben kann.“10 Aber ist der Kern der posthistoire wirklich das Ende der Kämpfe? Wir wissen von allen Feiertagen, Weihnachten et. al. als Zeit der innerfamiliären Kämpfe, der Sprachlosigkeit unter den Generationen. Ich empfinde den Kapitalismus als eine ungeheuer starke Beschleunigung des kommunikativen Aspekts der Sprache, ein autoritäres System der Selbsterklärung, der Selbsteinschätzung: kein Verlangen der Sprache, kein Verlangen nach Sprache, sondern ein Verlangen nach Aussprache, Besprechung, Nachbereitung, Wording. Aus dem Arbeitsvertrag bist du schuldig: deine kommende Zeit und deine Erklärung. Ein Erledigen, dessen du dich nicht entledigen kannst. Der Kapitalismus hat dein Wochenende schon verplant als Zeit deiner Arbeit am Subjekt. Die sprachlichen Formen der protestantischen Ethik sind solche des Selbsthasses: erkläre dich, labele dich, denn du bist sündhaft, erlöse dich sola scriptura, schreib dir ein Zeugnis deiner Existenz. Punkt 1, ich mag dies und das, Punkt 2, ich brauche das und dies, Punkt 3, dies sind die Orte, an denen ich mir beschaffe. Wie nur aber verarbeiten wir kommunikativ, was wir nicht beschaffen können, unser Verlangen, das auch totale Verfügbarkeit nicht erfüllt? Sich mit Sprache auszulegen, bedeutet, keinen Feiertag zu haben: „der Werktag wurde zum All-Tag, die Alltags- und Arbeitssprache zur lingua franca, die Philologie aus einem Medium der Entfaltung des Sakralen zum Werkzeug der Arbeit an einem Glück, das weder vermittels der Arbeit noch in ihr zu finden ist“11 . Der Ruhetag des Kapitalismus ist die absolute Beschleunigung seiner Sprache, das Nicht-auf-sich-beruhen-lassen-können der Leere seiner Subjekte, das Beten zur Individualität, die Buße vorm großen Diktat, etwas sein zu müssen, etwas, das sich sprachlich äußern lässt, verblendetes Leben. Eine Philologie, die „nur auf eine Feier aus sein [kann]“12 , muss zuerst Feierabend machen und dann ihren Sonntag zur Woche erklären. Sie versteht, dass sie nichts sein darf, dass sie nicht nichts sein muss, dass sie im Leben als Sprache nichtig aber lebendig ist wie die Liebe, dass sie sich nicht beschreiben kann, aber schreiben kann, dass sie sich nicht mit Sprache und in Sprache auslegt sondern nur als Sprache zu einer Existenzform findet, zur ,Überlebensform‘. Hell yeah, jetzt hab ich mich aber heiß geredet, der pathetische Furor des Teufels, sorry…

>>>> Montagmorgenpop: RAGE HARD!, sang Holly Johnson, DO NOT GO GENTLE INTO THAT GOOD NIGHT!, schrieb Dylan Thomas. Das sind schöne Befehle, sich aus Trotz selbst zu erhalten wissen, und vielleicht der richtige Impetus, den wir in der Lebendigkeit dessen, was wir lesen, gewinnen – ohne damit etwas gutzumachen. Zäh wird die Zeit nur, wenn man sie verbissen absitzen muss; wenn man nachsitzt, wie sich für Viele die allermeisten Stunden am Arbeitsplatz anfühlen. Man kann fragen: Aber wofür? Man kann fragen: Was habe ich nur versaut in meinem Lebenslauf, dass ich nichts anderes schreiben darf als „was gut ist erscheint, was erscheint ist gut.“ (Guy Debord) Man kann fragen: Wie kann ich aus meiner lausigen Fallgeschichte noch eine geile Erfolgsstory bauen? Nur die erste Frage führt aus dem von Dir durchdeklinierten Horror. Sprache als Arbeitsmittel, dachte ich mir, wäre im Extrem, dass Schreiben sich darauf reduziert, via Multiple Choice ein Wort aus der Leiste zur Autokorrektur auszusuchen. Immer wieder Fehler nach Vorschrift vermeiden. Meine Selbstauslegung, die als Nachricht im besten Fall einen Andern erreicht, ins Andere weist, wäre dann Abgleich mit einem festen Set an den am häufigsten gebrauchten Wörtern im entsprechenden Kontext und im Endeffekt (wo führt der nur hin?) die effizienteste Weise aller Zeiten sich auszudrücken. Eine Blackbox der gespeicherten Sprache: White Cube und Dark Room. Kein Geheimnis und kein Gesicht. Vielleicht wäre das die schlimme Vollendung der Warensprache, die Hamacher in seinem Aufsatz „Lingua Amissa“ beschreibt, zumindest die Tilgung jeglichen Versprechens, das die Sprache noch bereithält: „Die Warensprache spricht selber nur als Ware Sprache, tauscht sich gegen äquivalente Waren der Sprachen aus und dient der Plusmacherei des Kapitals. Und das ist ihr kapitales Geheimnis: daß sie keines verbergen kann. Sie verhüllt nichts, das hinter oder unter ihr läge, sie verbirgt kein Ding und keine Form, die anders wäre als sie, sondern als kategoriale Form verhüllt sich diese Form, sich selbst, und mit ihr die Formierung, die generative Struktur, die ihrem transzendental-fetischistischen Rahmen vorausgeht und nicht aufhört, ihn zu verziehen.“ (Lingua Amissa, S. 79, in Lenger et al: Ökonomien der Differenz, 2000) Wir sollen nicht erkennen, wie etwas zustande kam, wenn wir davon Gebrauch machen. Wir müssen natürlich nicht alles wissen, aber wir dürfen nicht wahrhaben, dass etwas zustande kam, weil es warenförmig geworden ist und damit in letzter Instanz seine Verramschung als Schicksal folgerichtig wäre, weil damit nur etwas anzufangen ist, um noch mehr Wert zu schöpfen. Labelt man sich nicht selbst am laufenden Band aus Angst davor, verramscht zu werden? Besondert man sich nicht in Profilen, um etwas darzustellen in Kategorien, die nicht zur Verhandlung stehen. Womit wir wieder beim Furor wären. Hamachers allerletzter zu Lebzeiten gehaltener Vortrag handelt nicht zuletzt von Brecht. Das kann irritieren, wo er doch sonst vor allem über Hölderlin, Kafka, Celan schrieb. Vielleicht kann man ihn auch agitatorisch verstehen, auf jeden Fall richtet er sich gegen das passiv-aggressive Selbstmitleid, die sich immer weiter in die Tatenlosigkeit ausdifferenzierende Kritik nach vorgegebenen Schemata, und zwar mit dem besten Effekt seitens des Rezipienten, den die Kunst hervorgebracht hat: „Erst indem das passive Mitleid, das den Unterdrückten gilt, wie ein Rohstoff in den aktiven Zorn gegen die Unterdrückung sich verwandelt, wird es einer katharsis zugeführt, nämlich der Abfuhr in den Aufstand gegen Unterdrückung(.) Zorn ist ein nützlicher und ist sogar der einzig nützliche Affekt, der sich aus dem Mitleiden mit Anderen ableiten lässt, denn er ist der einzige, der zu einer Veränderung jener Verhältnisse antreibt, die ihn ausgelöst haben. Als Affekt der Kritik kann Zorn das Leiden in Handeln konvertieren, aber er wird praktisch nicht nach den Maßen der Wissenschaft und der wissenschaftlichen Kritik, sondern setzt diese Maße erst selbst. Um nämlich Zorn zu sein, muss er sich gegen die Verletzung des Respekts vor dem Menschlichen richten, muss sich also als Respekt vor der Respektierung des Menschlichen betätigen und zu einer praktischen, eingreifenden Regung der Menschenfreundlichkeit werden.“ (Das eine Kriterium, für das was geschieht, p. 31, in Ebert et al: Theater als Kritik, 2018) Aufstehen, um Beifall zu spenden. Nur das fiel mir ein, als ich eine kathartische Erfahrung in der Oper The Bassarids (nach Euripides‘ Backchen) von Hans Werner Henze hatte. Das Volk huldigt am Ende unterwürfig Statuen, die letzte Handlung ist ein Kniefall: Soll sich das Publikum dann selbst von hinten sehen? Die Abfuhr der Katharsis sediert nicht, sondern setzt als Zorn Maße, die aus dem Moment der Befreiung selbst entstehen, indem sie sich gegen die „Verletzung des Respekts vor dem Menschlichen“ richten und nicht aus heiterem Himmel (der herrschenden Gottheiten) Freiheiten im diminutiven Plural erteilen. Diese in der Selbstbestimmung gegen den mächtigen Widerstand (er setzt sich als göttlich, um nicht als jene menschengemachte Autorität offenbar zu werden, die die Notwendigkeit ihre Herrschaft aus der Erklärungslosigkeit behauptet), also in the act gefundenen Verhältnisse versprechen Erleichterung ohne Aushungern, Intensivierung ohne schmerzende Nerven. Auch wenn der Vorhang fällt, stehen alle Fragen offen. HOCH DIE HÄNDE WOCHENENDE – von wegen! Im Foyer fällt den Gästen das Diskursivieren voreinander so schwer, dass sie beim Sprechen Grimassen schneiden, doch sie müssen ja etwas aus dem, was man nur als ,Performance‘ begreifen will, gewinnen. Schöner wäre es doch, dem andern nichts hinzuzufügen, ohne deshalb etwas zu verschweigen. Hamachers 92. These denkt die Philologie als „die Aufmerksamkeit auf das, was interpungiert, zum Innehalten bringt, zäsuriert, weil in ihm ein Kommendes oder sein Kommen bemerkbar wird.“13 Hamachers 91. These geht so: „Die Philologie ist das Trojanische Pferd in den Mauern unserer schlafenden Sprachen. Wenn sie erwachen,“14 geben wir uns hoffentlich nicht mehr mit rot geklatschten Handtellern zufrieden.

>>>>> „Das Fuer ist ein Feuer15 . Ab dem 1. Januar 2021 sind Rauchmelder auch in Berlin in allen Wohnungen verpflichtend, in der Sprache seit 1517. Der Sonntag der Sprache ist ein Fehlalarm, ein versteckter Löscher, eine blockierte Brandschutztür, ein Tilgen aller Systeme der Schuld. „Traumlicht Sprache“? Nein, „Traumbrand Sprachlicht, Brandbild“16 . Mögen die Bilder lange noch übergreifen, metonymisches Lodern, nur der umzündelte Text ist lebendig.
 
 
 
 

1 Werner Hamacher: 95 Thesen zur Philologie, in: Was zu sagen bleibt, Engeler Verlag 2019, S. 51-78, hier S. 73.
2 Hamacher: 95 Thesen, S.72.
3 Ebd., S. 73.
4 Ebd.
5 Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge, übers. v. Ulrich Köppen, in: Die Hauptwerke, Suhrkamp 2008, S. 7–469, hier S. 69.
6 Hamacher: 95 Thesen, S. 72.
7 Ebd., S. 73.
8 Ebd.
9 Alexandre Kojève: Überlebensformen, übers. v. Andreas Hiepko, Merve 2007, S. 7–26
10 Ebd., S. 23.
11 Hamacher: 95 Thesen, S. 62.
12 Ebd.
13 Hamacher: 95 Thesen, S. 75.
14 Ebd.
15 Werner Hamacher: Brouillon zu einer Phantasie über Feuer und Sprache, in: Mütze 1, S. 2–6, hier S. 3.
16 Ebd.

Letzte Änderung: 05.05.2023  |  Erstellt am: 05.05.2023

divider

Kommentare

Es wurde noch kein Kommentar eingetragen.

Kommentar eintragen