Prinzessin unter Riesenzwergen

Prinzessin unter Riesenzwergen

„Die Unberührbare“ von Oskar Roehler
Hannelore Elsner als Gisela Elsner | © Screenshot

Seit kurzem trägt ein Platz an der Bockenheimer Warte in Frankfurt den Namen Hannelore Elsners. Die Schauspielerin, die 30 Jahre lang in Frankfurt lebte, verkörperte einst auf der Leinwand die Schriftstellerin Gisela Elsner. Neun Romane hat Gisela Elsner geschrieben, zwei Erzählungsbände, Hörspiele und ein Opernlibretto. Der Erfolg ihres Erstlings „Die Riesenzwerge“ aus dem Jahr 1964 warf aber seine Schatten auf alles, was sie danach veröffentlichte. Mit einem Sprung aus dem Fenster beendete sie 1992 ihr Leben. Ihr Sohn Oskar Roehler brachte im Jahr 2000 den Film „Die Unberührbare“ heraus, von dem Marli Feldvoß berichtet.

Die Drohung dieser Hanna Flanders, sich umzubringen, lastet schon über den ersten Filmbildern. Die Hände zitternd, zwei Zigaretten in der einen, das Whiskyglas in der andern, die Stimme am Telefon eher teilnahmslos – auch die turbulenten Fernsehbilder und die knallenden Sektkorken aus der Nacht der deutschen Vereinigung lassen diese Frau kalt. Ein Volk feiert das Ende einer Diktatur, für das DKP-Mitglied, dem der Marxismus-Leninismus bis zuletzt geistige Heimat geblieben war, bricht hingegen eine Welt zusammen. In einem Interview spricht sie verächtlich von der gefräßigen Konsumgesellschaft, den Kämpfern für Pralinen und Tampons, dem Verlust ihres Traums.

Schwer zu sagen, wann die Schriftstellerin Gisela Elsner, die im Film Hanna Flanders genannt wird, tatsächlich zu leben aufgehört hat – im Sinne von selbst-bewußt teilhaben am öffentlichen Leben. In den Nachrufen, im Mai 1992, wird ihr Fenstersturz „Freitod“ genannt; „Heldentod“ sagt ihr Sohn, der Filmemacher Oskar Roehler, heute über die immer mehr in die Isolierung getriebene, zuletzt völlig verarmte Schriftstellerin.

Roehlers Filmporträt beginnt 1989 mit dem Fall der Berliner Mauer, verweigert jedoch die Chronologie, sondern greift verschiedene Ereignisse ihres Lebens heraus, reiht sie episodisch, wie zu einer letzten Reise, aneinander. Hanna Flanders verkauft ihren Münchner Bungalow, kauft sich einen sündhaft teuren Dior-Mantel, zieht um nach Berlin. Dann eine Hotelnacht mit Gigolo, vergebliche Besuche bei ihrem Sohn und ihrem Ex-Liebhaber vom Verlag Volk und Welt, Notunterkunft in einer heruntergekommenen Verlagswohnung in einer Plattenbausiedlung irgendwo am Rande von Großberlin – schon dieser Anfang ist kein Aufbruch, sondern eine Flucht ohne Ziel: die Agonie.

Wie lange diese tablettensüchtige, trinkfeste Frau, die harte Drinks wie Wasser kippt, schon in einer Traumwelt lebt, ist schwer auszumachen. Ihre ganze Erscheinung ist Maske, zementierte Vergangenheit. Das dick aufgetragene Make-up, die kohlschwarz gerahmten Augen, die ausladende Nofretete-Perücke und die Modellkleider verbergen nicht nur eine gescheiterte Schriftstellerin, deren Manuskripte zuletzt abgelehnt wurden, deren Hausverlag Rowohlt sie längst im Stich gelassen hatte, die in den Achtzigern in der DDR als „antikapitalistisches Aushängeschild“ gefeiert wurde, sie verbergen eine verlorene Existenz. Der kurze unerwünschte Besuch bei den wohlhabenden Eltern in Nürnberg, die zufällige Begegnung mit dem Ex-Ehemann am Bahnhof – Roehlers Vater –, die im Alkohol ertränkte gemeinsame Nacht in Darmstadt, die Rückkehr nach München, der Zusammenbruch auf offener Strasse, die Diagnose „Raucherbein“, Entzug – all dem kann diese Hanna Flanders keinen Lebenswillen mehr entgegensetzen. Sie raucht eine letzte Zigarette, öffnet das Fenster und lässt sich fallen. Ein lautloser Sturz in eine weiße sanfte andere Welt.

Oskar Roehler zeichnet den Verfall einer älteren Frau nach, die zwar seine Mutter war, die der beim Vater Aufgewachsene jedoch ein Leben lang nicht als Mutter erlebt hat. Von „Gleichnis“ spricht der Filmemacher, der mit der atmosphärischen Schwarzweißfotografie ein surreales Traumreich entwirft, durch Hannas drogengetrübten Blick auf die Welt schaut, in der sie wie eine seltene Blume blüht. Zwischen den verlorenen Gestalten im Morgengrauen, die über die unbestellten Felder des Ostberliner Niemandslands ziehen, ist sie eine Fremde unter Fremden. Ihre hochstilisierte puppenhafte Erscheinung ist ihre Maske, hinter der sie ihre Verletzungen verbirgt, aber auch konserviert.

Sie sei eine Prinzessin, die nie älter als siebzehn geworden sei, meint Roehler über seine Mutter. Schaut man sich dazu ein früheres Foto an aus der Zeit der Riesenzwerge, ihres ersten und größten Erfolgs, sticht einem der verächtlich-spöttische Zug, schon so etwas wie Weltüberdruss der gerade Siebenundzwanzigjährigen, ins Auge. Damals, 1964, als man noch keine psychologische Nabelschau pflegte, war verständnislos vom kalten Haß einer Autorin die Rede, die mit ihrem bösen Märchenroman gegen die schöne neue Wohlstandsgesellschaft wetterte. Daß hinter dieser mit Selbstverachtung vorgetragenen Destruktion des kleinbürgerlichen Lebens ihr eigenes Erleben, die Abrechnung mit ihrer rigorosen Aufsteigerfamilie stand, läßt der Film noch durchscheinen. Kein Weg führt jedoch zu den harschen Ausgrenzungsritualen einer Schriftstellergeneration, zu deren Opfern heute auch eine Figur wie Ingeborg Bachmann zählt.

Hannelore Elsner lebt diese Hanna Flanders/Gisela Elsner mit den Krisen einer einsamen Fünfzigjährigen, mit Verzweiflung hinter der Fassade, mit jedem unmerklichen Beben der Hautoberfläche, mit jedem absturzgefährdeten Schritt, mit jeder überkontrollierten Bewegung, mit der nachvollzogenen Inbrunst eines neurotischen Gestaltungszwangs, der das wahre Leben erstickt. Aber für das Leben – so viel lässt der Film immerhin ahnen – scheint in den gesellschaftlichen Grauzonen im Westen wie im Osten, ob freiheitlich leistungs- oder diktatorisch anpassungsorientiert, offenbar kein Platz zu sein.
 
 
 
 
Zuerst erschienen in: Neue Zürcher Zeitung 17.11.2000

Letzte Änderung: 01.07.2023  |  Erstellt am: 01.07.2023

Die Unberührbare

Erscheinungsjahr 2000
Länge: 110 Minuten
Altersfreigabe

Regie: Oskar Roehler
Drehbuch: Oskar Roehler
Produktion: Käte Ehrmann, Ulrich Caspar
Musik: Martin Todsharow
Kamera: Hagen Bogdanski
Schnitt: Isabel Meier

Besetzung
Hannelore Elsner: Hanna Flanders
Vadim Glowna: Bruno
Jasmin Tabatabai: Meret
Lars Rudolph: Viktor
Michael Gwisdek: Joachim
Nina Petri: Grete
Tonio Arango: Ronald
Charles Regnier: Hannas Vater
Helga Göring: Hannas Mutter
Bernd Stempel: Dieter
Claudia Geisler: Carmen
Marie Zielcke: Krankenschwester
Catherine Flemming: Isabelle
Martin Wuttke: Imbissverkäufer
Christine Harbort: Irene
Harry Hass: Rezeptionist
Norbert Tefelski

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Kommentare

Manfred Luckas schreibt
Berührungsverbot für die Unberührbare. Gisela Elsner bleibt als literarische Grenzgängerin bis heute eine Übersehene, zu Unrecht Geächtete, daran hat auch die verdienstvolle Werkschau im Verbrecher Verlag nicht viel geändert. Die Persistenz der Ausgrenzung, zu Lebzeiten ein Grund für den selbstzerstörerischen Impetus ihrer Biografie, ist schmerzhaft und verstellt den Blick auf eine unkonventionelle Autorin mit eigener Stimme. „Heilig Blut“ oder „Fliegeralarm“ sind neben den „Riesenzwergen“ Texte von zeitloser literarischer Qualität. Der Film von Oskar Roehler mit einer kongenialen Hannelore Elsner fängt all dies atmosphärisch stimmig ein - und Harry Hass alias Koko Metaller in einer Nebenrolle ist als filmische Fußnote ein Volltreffer.

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