Der raue Charme des Unrunden

Der raue Charme des Unrunden

LyrikLINES

Ob man ihre Bedeutung erfassen kann oder nicht, manche Gesangsfragmente, manche Liedpassagen und Songtexte lassen sich dauerhaft auf einem Gedächtnisplatz nieder, den wir offenbar für solche singseligen Gäste reserviert haben. Die Reihe LyrikLINES gibt AutorInnen Gelegenheit, solchen Ohrwürmern nachzugehen und damit ihren eigenen Assoziationen zu folgen. Michael Behrendt erinnert sich an den ersten Song, der ihm wirklich bewusst machte, dass es in Lyrics keineswegs immer hochpoetisch und sprachlich elegant zugeht, sondern im Gegenteil auch mal gewaltig knirschen kann: Ich wart’ auf dich aus dem Jahr 1986 lässt ahnen, warum es der Wahlkölner Wolf Maahn als Rockstar nie so richtig geschafft hat.

Wolf Maahn

Na klar, es sind vor allem gelungene Songverse und -texte, die sich dauerhaft auf einem Fan-Gedächtnisplatz niederlassen: weise oder humorvolle, tiefsinnige oder rätselhafte sprachliche Schöpfungen von Autorinnen und Autoren, die ihr Handwerk verstehen und mit geschickt gewählten Worten einnehmende Botschaften, dazu Magie erzeugen. Doch vermag gelegentlich auch das lyrisch Unrunde einen nachhaltigen Eindruck im Gedächtnis zu hinterlassen – und so genau das Gegenteil von Magie zu produzieren: eine buchstäbliche Entzauberung. Nein, gemeint sind weder lieblos zusammengeschraubte Klischeetexte noch betont tiefsinnig formulierte, aber letztlich banale Songwriting-Produkte. Gemeint sind Lyrics, die von einem gewissen künstlerischen Anspruch zeugen, doch genau an diesem Anspruch scheitern.

Dass es solche Texte gibt, wurde mir erstmals 1986 bewusst, als ich Ich wart’ auf dich hörte, einen dieser besonders „gefühlvollen“ Lovesongs des Deutschrockers Wolf Maahn. In meiner Wahrnehmung knirschte der leicht schlaftrunken intonierte Text des 1955 geborenen Wahlkölners nicht nur an allen Ecken und Enden, er barg auch eine das Physische betonende Zeile, die mich unangenehm berührte. So wie ich bis dahin über die sprachliche Kunstfertigkeit internationaler Popstars und deutschsprachiger Acts wie Udo Lindenberg, Ulla Meinecke, Reinhard Mey oder Ideal gestaunt hatte, so fiel es mir bei Wolf Maahn plötzlich wie Schuppen aus den Haaren: Dergleichen hatte ich noch nie bewusst gehört.

Schauen wir auf die Details: In Ich wart’ auf dich geht es um das sehnsüchtige Warten eines Lovers auf die früh aus dem Haus gegangene Geliebte. Offenbar ist der Sprecher selbst erst am Morgen nach Hause gekommen, denn gleich zu Beginn heißt es: Morgens, wenn ich die Tür aufschließe, bist du schon lange unterwegs. Und dann geht es auch schon los mit dem sprachlichen Geholpere: Dein Kleid hängt leer am Bügel, und in der Tasse ist ein letzter Rest vertrockneter Kaffee. Oje … Zum leeren Kleid am Bügel die Frage: Welches Wort passt nicht in diese Beobachtung? Und wie sähe das Ganze aus, hinge das Kleid voll, also samt Trägerin, am Bügel? In Sachen Kaffeetasse will man eigentlich nicht kleinlich sein, und doch sind es eher Pflanzen, feste Stoffe, die vertrocknen – Flüssigkeiten wie Kaffee dagegen trocknen und verdunsten. Aus der Küche scheint die Sonne ins Zimmer ist gleich der nächste Vers, der irritiert. Ja sapperlot, die Sonne scheint vielleicht vom Himmel, aber doch nicht in der Küche. Und schon gar nicht von dort ins nächste Zimmer.

Der Text braucht aber nun mal dieses krumme Bild, denn im gleißenden Gegenlicht ergeben sich wunderbare Impressionen – zum Beispiel diese: Es ist still, so still, dass die Staubkörner in der Luft stehen bleiben und erfrieren zu einem Bild. Das klingt im ersten Moment hochpoetisch, keine Frage. Aber: Was, bitteschön, haben fehlende Geräusche mit dem Stillstand von Staubkörnern zu tun? Es erschließt sich nur zäh. Und dass diese Staubkörner den Kältetod sterben, war sicher auch nicht das, was Wolf Maahn eigentlich sagen wollte. Ganz sicher war hier nicht „zu einem Bild erfrieren“, sondern so etwas wie „gefrieren“ oder „einfrieren“ gemeint, der berühmte „frozen moment“ im Film. Was, wie man es auch dreht und wendet, nicht passen will, wenn doch zuvor noch vom warmen Sonnenlicht die Rede war.

Im folgenden Vers wird es dann endgültig surreal: Die aufgeschlagene Zeitung verspricht uns ein Leben auf den bunten Seiten dieser Welt. Gut möglich, dass uns die Zeitung ein buntes Leben in der Welt da draußen verspricht – aber ganz bestimmt nicht auf irgendwelchen bunten Seiten, erst recht nicht im Kleinanzeigenteil.

Ich wart’ auf dich enthält eine Häufung an textlichen Ungenauigkeiten, die ich noch heute als ärgerlich empfinde. Gerade weil die Musik und die ganze Atmosphäre des Stücks das Warten auf die Geliebte wunderbar einfangen. Der anbrechende Tag, die Spuren, die die Frau in der Wohnung hinterlassen hat – vom getragenen Kleid über die benutzte Kaffeetasse bis hin zur Zigarettenkippe in der Eierschale –, all das kann man sich beim Hören wunderbar vorstellen und nachempfinden. Wenn da nicht diese nach Aufmerksamkeit heischenden Verse wären: Hallo, wir atmen Authentizität! Glänzen mit sensiblen Alltagsbeobachtungen! Mit ehrlicher, rauer Songpoesie! Capice?

Am unangenehmsten aber berührt mich nach wie vor jene Stelle, an der sich der erschöpft Wartende in einer selbstverliebt saft- und kraftlosen erotischen Fantasie verliert. Hier werden plötzlich seltsame intime Details heraufbeschworen, die krass herausstechen und für mich den Tatbestand „Too much information“ erfüllen. Das Kleid der Geliebten spielt dabei erneut eine denkwürdige Rolle: Ich bin müde, und ich wünsch’ mir jetzt dein Kleid voller Leben: So möcht’ ich dich eine Zigarette rauchen sehen, um dann müde in dich zu kriechen. Ein „Kleid voller Leben …“, „Müde in dich zu kriechen …“, huaaaahhh! Die Vorstellung, wie sich der oben beschriebene Möchtegern-Bohemien schläfrig schlaff in den Körper der Geliebten drängt, die eben noch hollywoodtauglich eine Zigarette für ihn geraucht hat, lässt mich alles andere als wohlig erschauern. Das klingt kaum nach romantischem Miteinander, sondern eher nach autistischer Triebabfuhr. Aber: Nichts für ungut, bestimmt war’s hochsensibel gemeint.

Wolf Maahn hatte beste Voraussetzungen für eine steile Rock-Karriere, keine Frage: eine gute Stimme, gefühlvolles Gitarrenspiel, kompositorisches Talent und ein Gespür für mainstreamtaugliche Vierminutenstücke – ohne die Gefahr, in seichten Kitsch abzudriften. Ein nicht ganz so geschmeidiges Auftreten, begleitet vom immer spürbaren Fremdeln mit den Gesetzmäßigkeiten der Branche, dürfte jedoch einer der Gründe für den ausgebliebenen Superstarruhm sein. Mit seiner Lonesome-Rebel-Masche schien der Künstler immer schwer zu fassen, vom Namen seiner Band (Die Deserteure) über die fast schon klischeehaften Rockerklamotten und den betonten Wuschelkopf bis hin zum demonstrativen Zigarettenqualmen. All das wollte nie so recht zu dem linkisch-braven Jüngelchen passen, das da hinter der unangepassten tough guy -Pose schüchtern-selbstverliebt hervorlugte.

Und vielleicht haben auch die Songtexte ihren kleinen Beitrag zur Reserviertheit eines breiteren Publikums geleistet: Immer wieder wollten sie hoch hinaus, kreisten engagiert um Grundsätzliches – und lagen manchmal doch das entscheidende Quäntchen daneben: in der Wahl der Metaphern, in der zum Ausdruck gebrachten Haltung, der konkreten Argumentation. Wolf Maahn … ein Künstler, der die Liebe des Publikums suchte, das Publikum aber immer wieder irritierte und sich hier und dort in seiner Songlyrik verlor.

Das fing schon bei den Songtiteln und Refrains an. Stadt der Waschmaschinen etwa hieß eine klasse Abgehnummer, ebenfalls aus dem Jahr 1986. Schnell, funky, vom Sound her auf dem damals neuesten Stand – hätte so auch auf den Flashdance – oder Beverly Hills Cop -Soundtrack gepasst. Ein Riesenspaß … wenn da nicht die seltsam blutleere sprachliche Komponente wäre. Stadt der Waschmaschinen – was sollte das bedeuten? Es klang, als wären erste Ideen für den Werbespot eines Elektrogroßhandels aus der Marketingabteilung durchgesickert, aber nicht nach Rock ’n’ Roll. Unsexy, ohne poetischen Reiz. Abgesehen davon, dass auch der dazugehörige Text eher vage blieb. Ging es vielleicht um die Kritik an einer cleanen „Eight days a week“-Angestellten-Existenz? Und wenn, war diese Kritik wirklich zwingend? Da lachte ja die Buchhaltung!

Im Song Gattung feminin aus dem Jahr 1995 beschwerte sich ein peinliches männliches Chauvi-Ich über allzu selbstbewusste moderne Frauen und beschrieb sie gar als misslungene Genmutationen: Brandrodung, ein Stück Natur verwaist, so hieß es drastisch in einer Strophe – und im Refrain: Gattung feminin – wer hat sie geseh’n, gibt’s die noch? Gattung feminin – das weiblich zarte Gen fehlt schon oft. Arg bemüht und reichlich daneben, das Ganze. So wie der „maahnische“ Versuch 2010, eine sich entwickelnde und festigende Liebesbeziehung ausgerechnet in ein staatstragendes Motiv zu gießen: Vereinigte Staaten. Wie umständlich die Refrainverse, die kurze Vokale auf lange Vokale reimten und Liebesdinge in erschreckend unsinnliche Bilder von Biodiversität und politischen Verfassungen fassten: Liebe – Amen, wir leben zusammen. Vielfalt der Arten in Vereinigten Staaten. Der Reim war wohl auch der einzige Grund, warum die liturgische Akklamationsformel „Amen“ noch mit hineinmontiert wurde. Vielleicht bringt es uns weiter / Und wir werden weiser / Und im Interesse beider / Sind wir um viele Erfahrungen reicher, reimte Herr Maahn wacker weiter und ließ dabei eher an eine Mischung aus Vertragsverhandlung und Therapiesitzung denken als an die große Liebe. Schließlich folgte mit Und wir werden schlauer / Und es gibt uns Power / Denn wir kennen uns immer genauer eine Kette an herzigen Allerweltsreimen, die fast schon nach einem kleinen Schüler-Fortsetzungswettbewerb schrien: „Harmonie auf Dauer“, „Zwischen uns fällt die Mauer“, „Und der Himmel wird blauer“ … wer bietet mehr? Dabei vergaß man gern eine weitere Frage, die sich nebenbei aufdrängte und auf die Wolf Maahn keine Antwort gab: Wer war eigentlich Präsidentin oder Präsident dieser Vereinigten Staaten?

Apropos USA: Dort huldigt man Pop- und Rockstars gelegentlich, indem man sie – quasi als „sie selbst“ – in fiktionale TV-Serienkontexte einbettet. Weil sie mit ihrer öffentlichen Persona, ihrem Show-Ich, quasi Kunstfiguren und so etwas wie Marken sind, kann man storytechnisch einiges mit ihnen anstellen, ohne dass sie wirklich Schaden nehmen. So war etwa der Amerikaner Kid Rock „Held“ einer Folge der beliebten Krimiserie CSI NY. Die Handlung: Als während eines Kid-Rock-Konzerts, kurz vor der Zugabe, der Fahrer des Stars ermordet wird, gerät Letzterer selbst unter Mordverdacht. In der kurzen Zeitspanne zwischen Abgang von der Bühne und Rückkehr auf dieselbe hätte er die Tat durchaus begehen können. Passend zu seinem rüpelhaften Image im wahren Leben gibt sich Kid Rock bei den Ermittlungen erst mal wenig kooperativ. Und daraus speist sich ein großer Teil des Unterhaltungswerts der Episode. Letztlich etwas liebevoller eingebunden wurde die amerikanische Country-Ikone Willie Nelson in eine Folge der schrulligen Krimiserie Monk. Auch Willie Nelson wird laut Drehbuch des Mordes verdächtigt, und zwar an seinem Manager. Doch zum Glück ist der ermittelnde Detektiv, der geniale, aber unter Zwangsneurosen leidende Titelheld Mr. Monk, einer der größten Fans von Willie Nelson, weshalb er sich bei den Ermittlungen ganz besonders anstrengt, um sein Idol zu entlasten.

Vor diesem Hintergrund war es grundsätzlich eine Ehre, dass auch Wolf Maahn mal in einer Fernsehserie auftreten durfte. Doch es passt ins Bild des verhinderten Rockstars, dass er zu dem Zeitpunkt, als man ihn für Unter uns, die erfolgreiche Daily-Soap auf RTL, engagierte, seine besten Zeiten längst hinter sich hatte. Und dass ihm die Drehbuchverantwortlichen obendrein eine uneheliche Tochter andichteten, die er nach deren Geburt sträflich vernachlässigt hatte. Als er sie Jahre später, in der Jetztzeit der Serie, wiedertrifft, erkennt er sie zunächst nicht als seine Tochter. Im Gegenteil: Er sieht in der attraktiven jungen Frau sogar eine potenzielle Affäre und baggert sie an. Zum Glück befand man sich im Vorabendprogramm, weshalb der fiktionalisierte Wolf Maahn die wahren Zusammenhänge erkennen durfte, noch bevor Verstörenderes passieren konnte. Aber wir können festhalten: Besonders schmeichelhaft war diese Rolle nicht. Eher die Daily-Soap-Entsprechung zu verunglückten Songversen wie Dein Kleid hängt leer am Bügel. Irgendwie unrund. Unfreiwillig komisch. Letztlich kontraproduktiv.

Zur Ehrenrettung Wolf Maahns: Er hat auch einige wunderbare Songs geschrieben. Und er ist bei weitem nicht der einzige Act, in dessen Lyrics es bisweilen hakt und knirscht. Quer durch alle Genres – von Rock bis Dance, von Soul bis Rap und ganz besonders im Schlager – finden sich über die letzten Jahrzehnte hinweg etliche unfreiwillig schiefe bis irrwitzige Verse und Songtexte. Ob schräge Bilder oder seltsame Argumentationslinien, ob Grammatikpatzer, üble Reime oder Killerverse, dem Unsinn sind keine Grenzen gesetzt. Wobei Acts aus dem deutschen Sprachraum, die in der Fremdsprache Englisch texten, sich auf besonders heiklem Terrain bewegen. Es ist durchaus unterhaltsam, diese wundersamen Seiten der Songlyrik zu erkunden.
 
 
 
 
Große Teile dieses Beitrags sind zuerst erschienen in: Michael Behrendt, Mein Herz hat Sonnenbrand: Über schiefe bis irrwitzige Songtexte aus 60 Jahren deutscher Popmusik. Reclam, Ditzingen 2023.
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((Link zum Youtube-Audio des Originals:
https://www.youtube.com/watch?v=pxP5IHCiZts&t=76s

Es gibt auch ein „offizielles Video“, aber das begleitet eine etwas „rockigere“ Neuaufnahme aus dem Jahr 2001.))
 
 

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Letzte Änderung: 14.08.2023  |  Erstellt am: 14.08.2023

Mein Herz hat Sonnenbrand

Michael Behrendt Mein Herz hat Sonnenbrand

Über schiefe bis irrwitzige Songtexte aus 60 Jahren deutscher Popmusik
233 S., geb.
ISBN-13: 9783150114346
Reclam Verlag, Ditzingen 2023

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